Endometriose

Endometriose Heilung – Möglich oder Wunschdenken?

29. November 2018
Stammzellenforschung Endometrium

Anfang November tauchten im Internet Schlagzeilen wie diese hier auf: „Hoffnung für die Millionen von Frauen mit Endometriose, da die Wissenschaftler einer „Heilung“ einen Schritt näher kommen.“ (Quelle: Tekk.tv) und „Endometriose: Heilmittel erforscht“ (Quelle: praxisvita.de). Doch was bedeutet das genau? Ist nun eine Endometriose Heilung möglich? (Stand 2022: Beide Artikel sind heute im Web nicht mehr verfügbar.)

Bisheriger Stand zur Heilung von Endometriose

Aktuell gilt Endometriose als chronische Krankheit ohne eine explizite Heilungsmöglichkeit. Bisher kann sich der Körper lediglich in Einzelfällen selbst heilen, indem er durch Hormonveränderung wie z.B. durch die Wechseljahre die Endometrioseherde eintrocknen lässt und man so beschwerdefrei wird. Doch dies tritt nicht bei jedem auf, der eine Hormonveränderung durchlebt/vornimmt.

Natürlich steigt da die Hoffnung aller Betroffenen, dass es endlich eine Heilung für Endometriose gibt. Dies würde uns ein für alle Mal von diesen schrecklichen Beschwerden und auch der Kinderlosigkeit befreien. Endlich wieder normal leben, eine Familie gründen und unbeschwert in die Zukunft schauen.

Was genau hat sich Neues bzgl. der Endometriose Heilung ergeben?

Ich habe mir alle Artikel aus diesem Monat, die über die angebliche Endometriose Heilung berichten, einmal genauer angeschaut. All diese beruhen auf der Veröffentlichung eines Artikels in der Zeitschrift Stem Cell Reports (Stammzellen Berichte).

Da ein solcher Artikel genauso wie eine Studie vollgespickt mit Fachwörtern ist, habe ich meinen Mann hierfür ins Boot geholt. Stefan ist Arzt, genaugenommen Internist. Er wird mich in Zukunft hier auf meinem Blog mit medizinischem Fachwissen unterstützen.

„Zusammengefasst geht es in dem Artikel weniger darum, wie Endometriose geheilt werden kann, sondern viel mehr um die Bekanntgabe, wie es den Wissenschaftlern gelungen ist, aus hiPSC normale Gebärmutterschleimhautzellen zu entwickeln.“

Stefan

Exkurs zu hiPSC, Stammzellen und regenerative Medizin

Es gibt verschiedene Arten von Stammzellen. Um das zu verstehen muss man sich ein wenig mit Embryologie – also der Entwicklung des Menschen (und allen anderen Lebewesen) von der befruchteten Eizelle zum Baby – befassen.

Omnipotente Stammzellen können sich zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Die omnipotente Stammzellen sind die befruchtete Eizelle und ihre ersten Teilungsstufen (Fachwort: Morula). Eineiige Zwillinge entstehen, wenn sich der Embryo in diesem frühen Stadium in zwei Teile aufteilt.

Als nächster Schritt entsteht aus diesem „Zellhaufen“ (Morula) die Blastozyste. Es entsteht eine Aufteilung in eine äußere Wand aus Zellen und einen inneren Zellhaufen. Hier hat die erste Spezialisierung der Zellen stattgefunden, aus den Wandzellen wird die Plazenta, aus dem inneren Zellhaufen wird der Embryo. Diese Zellen des inneren Zellhaufens sind pluripotente Stammzellen. Diese können kein vollständiger Embryo mehr werden, sind aber immer noch in der Lage sich letztendlich in jede beliebige Zelle des Körpers zu entwickeln (Leber-, Niere-, Nerven-, Blut-, Muskel- oder eben Gebärmutterschleimhautzelle).

Die regenerative Medizin träumt nun davon mit Hilfe der pluripotenten Stammzellen im Labor Ersatzzellen oder am liebsten gleich ganze Organe herzustellen. Seit einigen Jahren ist bekannt welche Gene aktiv sein müssen, damit aus einer Zelle wieder eine pluripotente Stammzelle wird. Deshalb kann man heute z.B. eine menschliche Hautzelle oder eine Knochenmarkzelle im Labor mittels Gentechnik so programmieren wieder eine pluripotente Stammzelle zu werden. Mit Hilfe von Botenstoffen können diese pluripotente Stammzellen dann im Labor zu verschiedenen Zelltypen weiterentwickelt werden. In der englischen Fachliteratur heißen diese Zellen dann human induced pluripotent stem cells (hiPSC).

Was bringt dieser Forschungsdurchbruch nun für Endometriose?

Erst einmal ist es eine wirklich beachtliche Leistung der Wissenschaftler an der Northwestern University in Illinois (USA), dass sie es geschafft haben aus hiPSC normale Gebärmutterschleimhautzellen zu entwickeln. Denn diese Entwicklung läuft immerhin über fünf Zwischenschritte und für jeden Zwischenschritt wird ein anderer Botenstoffmix benötigt.

Doch reicht dieser Forschungsstand noch nicht aus, um eine neue Gebärmutter aus dem 3D-Drucker zu basteln. Und auch wenn dies irgendwann möglich ist und die „defekte“ Gebärmutter durch diese neue Gebärmutter ersetzt werden kann, bleibt das Problem der Endometrioseherde außerhalb der Gebärmutter in der Bauchhöhle. Diese wären dann ja immer noch da und können oft in Operationen nicht zu 100% entfernt werden. Zum Beispiel Chrissis Endometriose an den Beckenknochen wurde zwar ordentlich abgeschabt, aber an den Knochen ist keine Garantie da, dass die Endometriose wirklich komplett entfernt ist.

Was aber sehr interessant ist, dass die Autoren in der Einleitung erwähnen, dass Endometriose durch eine Unempfindlichkeit der Gebärmutterschleimhautzellen auf Progesteron entsteht. Im Artikel wird zudem beschrieben, dass die neu erzeugten Gebärmutterschleimhautzellen normal auf Progesteron ansprechen und welcher Zellsignalweg dafür wichtig ist.

Es wird spekuliert, dass es möglich sein könnte, aus Hauptzellen von Endometriose-Betroffenen Stammzellen zu gewinnen, diese dann wiederum in Gebärmutterschleimhautzellen umzuwandeln, um diese dann in die Gebärmutter der Endometriose-Betroffenen zu transplantieren. Diese neuen Gebärmutterschleimhautzellen würden dann, wie bei einer gesunden Frau, auf Progesteron reagieren und in der Gebärmutter der Betroffenen verbleiben.

Dies könnte eine ganz neue Therapiemöglichkeit für Endometriose-Betroffenen bedeuten. Bei mir bleibt nur lediglich die Frage zurück: Wie sollen dann die „kaputten“ Gebärmutterschleimhautzellen aus dem Körper entfernt werden?

Ein weiterer Therapieansatz ergibt sich eventuell aus dem genaueren Verständnis des Zellsignalwegs, der die Progesteron-Empfindlichkeit reguliert. Dieser Signalweg kann über die beschriebene Methode zur Entwicklung von Gebärmutterschleimhautzellen vielleicht genauer untersucht werden.

Der Artikel ist somit eine interessante Grundlagenarbeit, aus der sich vielleicht mal neue Therapieansätze ergeben. Eine Kochanleitung für ein Wundermittel ist er aber mit Sicherheit nicht.

Mein Fazit

Wie Stefan bereits schildert, ist es wirklich eine interessante Grundlagenarbeit, die durchaus Hoffnung macht. Hoffnung darauf, dass auf dieser Basis weiter geforscht wird und sich so schnell wie möglich in ein paar Jahren daraus Therapiemöglichkeiten ergeben.

Übrigens sind Stefan und ich beide Mitglied in der Endometriose Vereinigung Deutschland, die sich auf die Fahne geschrieben hat, die Endometrioseforschung zu unterstützen. Wenn du auch etwas dazu beitragen willst, dann werde doch auch Mitglied in der Endometriose Vereinigung. Jeder Mitgliedsbeitrag bringt uns ein Stück näher an neue Forschungsergebnisse und evtl. auch an eine Heilung der Endometriose.

Wie sagt man so schön: „Wir haben es in der Hand!“

Ich hoffe diese neue Art eines Beitrags mit meinem Mann zusammen hat dir gefallen. Hinterlasse uns gerne ein Feedback in den Kommentaren. Uns würde auch sehr deine Meinung zu den neuen Forschungserkenntnissen freuen.

Und bei Fragen oder Anmerkungen schreibe mir wie immer gerne eine E-Mail über mein Kontaktformular oder hinterlasse dafür ebenfalls einen Kommentar.

Wir freuen uns von dir zu hören!

Stefan und Chrissi

Quelle: Miyazaki, Kaoru, et al. (2018): Generation of Progesterone-Responsive Endometrial Stromal Fibroblasts from Human Induced Pluripotent Stem Cells: Role of the WNT/CTNNB1 Pathway, in: Stem Cell Reports, 13.11.2018, 11(5): S. 1136–1155

4 Kommentare

  • Antworten Mona 30. November 2018 bei 0:01

    Ich lese deinen Blog sowieso gerne, aber der Beitrag von deinem Mann Stefan hat mir wirklich besonders gut gefallen, da ich mich auch für Medizin interessiere. Ich fühle mich nun auch besser informiert als vorher :-). Liebe Grüße

    • Antworten Chrissi 30. November 2018 bei 8:54

      Das freut uns sehr zu hören! Wir haben auch große Lust mehr solcher gemeinsamen Beiträge zu schreiben!

  • Antworten Arendt, Anika 6. September 2020 bei 8:22

    Hallo Ihr Zwei,

    ein ganz toller Beitrag/ Bericht. Verständlich und mit einer sehr offenen Art geschrieben.
    Ich bin selbst betroffen von Endometriose, hatte im Januar meine 5 OP gehabt. Leider auch seit Jahren unerfüllter Kinderwunsch. Vor 3 Jahren bin ich auch der Endometriose Vereinigung beigetreten.
    Was mich beschäftigt, ist die Kombination aus vielen, meine Schilddrüse arbeitet nicht so, ich habe in der zweiten Zyklushälfte PMS. Mich frustriert es, dass ich nur ansatzweise was machen kann. Der Progesteronmangel ist mir bekannt, leider in meinen Blutwerten nicht zu erkennen. Ebenso weiß ich nicht, ob vielleicht auch genetisch was dahinter steckt.
    Bei mir wurde z. B. Das Mannose Binding lectin festgestellt, ich weiß nicht, ob mein Immunsystem möglicherweise das schwanger werden unmöglich macht.
    Sorry für den etwas längeren Text.
    Der Forschung wünsche ich mehr Mut. Wir Menschen und unser Körper sind sehr komplex, da kann die Forschung und Wissenschaft nur bedingt helfen, glaube ich.

    • Antworten Chrissi 24. September 2020 bei 11:42

      Liebe Anika, danke dir für deine lieben Worte. Wir hoffen auch, dass sich im Bereich der Endometriose Forschung zukünftig noch mehr tut. Was die Edometriose leider so komplex macht, ist dass wir Betroffenen alle so individuelle Beschwerden und Probleme haben. Da kommen sicher einige Dinge zusammen. Ich hoffe du bist in einer guten ärtzlichen Betreuung und dein Kinderwunsch geht ganz bald in Erfüllung. Lg Chrissi

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